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TSB-Trainer Zürn: "Ich werde viel vermissen und viel gewinnen"

Der scheidende TSB-Trainer Jochen Zürn spricht über seine Handball-Rente, die Droge Handball und seine neue Zuschauerrolle.

An diesem Samstag (19 Uhr) sitzt Jochen Zürn in der Ludwig-Jahn-Halle nach 30 Jahren zum letzten Mal auf einer Trainerbank. Beim Drittliga-Absteiger SG Köndringen-Teningen will der 56-Jährige mit einem Sieg die zweite Vizemeisterschaft mit dem TSB Horkheim in Folge unter Dach und Fach bringen. Im Interview spricht der gebürtige Stuttgarter über einen geheimnisvollen Kalender, seine größte Enttäuschung und einen möglichen Rücktritt vom Rücktritt.

 

Nach dem letzten Heimspiel haben Sie in der Kabine ein Kalenderblatt abgerissen. Zählen Sie dort die Tage, bis endgültig Schluss ist?
Jochen Zürn: Nein. Wir haben im Trainingslager vor der Saison eine Punktezahl festgelegt, die wir erreichen wollen. Jedes Blatt steht dabei für einen Punkt. Der Spieler des Spiels darf immer die Blätter abreißen. Am Samstag wurde ich mal auserkoren.

 

Der TSB hat 38 Punkte auf dem Konto. Wie viele Blätter hat der Kalender noch?
Zürn: Zwei. Gewinnen wir das letzte Spiel, dann hätten wir eine Punktlandung hingelegt. Das wäre krass.

 

Als Sie vor fünf Jahren beim TSB anfingen, haben Sie gesagt: "Der TSB und ich - das passt." Hat es gepasst?
Zürn: Ja, hat es. Ich habe nie zuvor eine solche Wertschätzung als Trainer erfahren. Die ist über die Jahre sogar immer weiter gewachsen. Schon nach zwei Jahren war mir klar, dass Horkheim meine letzte Karrierestation sein würde. Meine Frau Heike und ich haben uns hier sehr wohl gefühlt und enge Beziehungen geknüpft.

 

Sie haben weiter gesagt, dass Sie Ihre eigene TSB-Erfolgsgeschichte schreiben wollen. Ist das gelungen?
Zürn: Wir haben bei wenig angefangen, nachdem das Team total auseinandergeflogen war. Ich hatte praktisch keinen Einfluss auf die Zusammenstellung des ersten Kaders. Wir hatten einen Drei- bis Vierjahresplan, der mit der punktgleichen Vizemeisterschaft und der Bundesliga-Relegation im vergangenen Jahr geendet ist. Wenn wir nach dem Umbruch vor dieser Saison wieder Zweiter werden, hätten wir da noch einen draufgesetzt. Ich würde das als Erfolgsgeschichte sehen.

 

Fehlt nicht ein Titel?
Zürn: Nein. Ich habe den HVW-Pokal und den Württembergischen Supercup gewonnen. Ich fühle mich zudem als Vorjahresmeister, da wir punktgleich mit Nußloch das bessere Torverhältnis hatten. Leider zählte aber der direkte Vergleich. Natürlich wäre die Meisterschaft auch dieses Jahr schön gewesen, aber ich bin nicht total titelfixiert.

 

Der TSB könnte am Samstag zum sechsten Mal in den vergangenen acht Spielzeiten Vizemeister werden. Muss da nicht mal der Sprung in die 2. Bundesliga folgen?
Zürn: Extrem schwer. Es war schon sehr mutig, in der vergangenen Saison in die Relegation zu gehen. Unterm Strich ist das eine gefährliche Nummer. Der finanzielle Sprung ist riesig und wird immer größer. In der Südstaffel sehe ich momentan keinen Verein, der das Potenzial und die Strukturen für die 2. Bundesliga besitzt.

 

Dabei stimmen in Horkheim doch die sportlichen Voraussetzungen. Fehlt die nötige Unterstützung aus dem Umfeld?
Zürn: Dass die Schwarz-Gruppe seit dieser Saison den Handball in Horkheim finanziell unterstützt, war ein wichtiges Signal. Jetzt müssen andere mitziehen, vor allem auch die Stadt Heilbronn.

 

Sie übergeben nun wieder an Ihren Vorgänger Volker Blumenschein. Was geben Sie ihm mit auf den Weg?
Zürn: Er soll gesund bleiben und hart arbeiten. Das habe ich auch gemacht. Volker ist erfahren, dem brauche ich nichts zu erzählen.

 

Handballer sind ja gemeinhin für Rücktritte vom Rücktritt bekannt...
Zürn: (lacht).

 

Ich frage mal so: Wer müsste anklopfen, damit Sie sich noch einmal auf eine Trainerbank setzen?
Zürn: Wenn ein Ölscheich mich als Trainer für irgendein Emirat haben wollte und mich mit Geld zuschmeißt - das würde ich machen. Aber ernsthaft: Hätte ich den Job hauptberuflich gemacht, würde ich vielleicht wirklich nicht von der Droge Handball loskommen. Ich will aber jetzt zusammen mit meiner Familie nochmal ein anderes Leben führen.

 

Normalerweise würde in sechs Wochen die Saisonvorbereitung beginnen. Was macht Jochen Zürn Ende Juni?
Zürn: Mit Freunden die Fußball-WM genießen, ohne dass ich erst später dazukomme, weil noch ein Testspiel war und ohne den Gedanken im Kopf, früh ins Bett kommen zu müssen, da am nächsten Morgen wieder Training ist.

 

Werden Sie nichts vermissen?
Zürn: Oh doch, sehr viel. Die Atmosphäre in den Hallen, die Jungs in der Kabine, die Erleichterung nach einem Sieg, die Kontakte zu den Fans, die Arbeit mit der Presse, die Busfahrten, das gemeinsame Essen, die Trainingslager, die Feiern bis in die Morgenstunden wie am Samstag in der Laube - ja sogar den Kabinengeruch.

 

Eine lange Liste...
Zürn: Ja. Ich werde ganz viel vermissen, aber ganz viel gewinnen. Nämlich Zeit. Die kann man sich nicht kaufen und die läuft weg. Mit steigendem Alter wird einem das bewusster und das lässt die Waage in diese Richtung kippen.

 

Gibt es auch Dinge, die Sie nicht vermissen werden?
Zürn: Ja, wenn sich irgendwelche Knallköpfe Eintrittskarten kaufen, um dich zu beleidigen, nur weil du das falsche Trikot trägst. Oder arrogante Schiedsrichter, die dich von oben herab behandeln. Da bin ich dünnhäutiger geworden, das will ich nicht mehr.

 

Was war die größte Enttäuschung in 30 Trainerjahren?
Zürn: Die Begründung, warum ich in Bietigheim keinen Vertrag mehr bekommen habe.

 

Die da lautete?
Zürn: Ich könne nicht mit jungen Spielern arbeiten. Das war ein Vorwand. Im Grunde ging es darum, dass der Verein einen hauptamtlichen Trainer wollte, was aus meiner Sicht der absolut richtige Schritt war. Es hatte leider keiner die Eier, mir das persönlich zu sagen. Die offizielle Begründung hat mich schwer enttäuscht, da ich bereits das Gegenteil bewiesen hatte.

 

In Horkheim ist Sebastian Heymann und Daniel Rebmann der Sprung in die 1. Bundesliga gelungen. Ist Felix Kazmeier der nächste?
Zürn: Felix liebe ich wie einen Sohn. Er hat im Schatten von Basti Heymann lange Jahre zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, obwohl er ähnliche Möglichkeiten besitzt.

 

In welchen Hallen wird der künftige Handball-Rentner Jochen Zürn anzutreffen sein?
Zürn: Definitiv in Horkheim. Sicher auch in Göppingen und Stuttgart. Kornwestheim ist um die Ecke.

 

Wie verhält sich der Zuschauer Zürn im Vergleich zum Trainer Zürn?
​Zürn: Leise. Den Sport, den er liebt, genießend. Keine Ausraster. Kein Gebruddel.

Written by Stephan Sonntag (www.stimme.de) | 04.05.2018 21:38:09 | 2576x gelesen